Die Bewertung des Show Racers auf unseren Schauen

Die Beurteilung einer Leistung und auch eines Tieres erfordert höchstmögliche Fach- bzw. Sachkenntnis des Bewertenden. Da unsere Tauben überwiegend nach ihrem Äußeren begutachtet werden, muss man zunächst einmal wissen, wie sie aussehen sollen. Die Zuchtfreunde in Amerika haben lange Zeit benötigt, ihren Show Racer so zu formen, wie er ihren Vorstellungen nach sein sollte. Wir hier in Europa sind von dieser Rasse begeistert, weil sie so ist wie sie ist! Es liegt also nahe, dass wir uns das Erscheinungsbild des amerikanischen Show Racers so gut wie möglich einprägen und seine Merkmale als Grundlage unserer Bewertung sehen. Natürlich kann man nicht die absoluten Spitzentiere der USA als Beurteilungsmaßstab nehmen, wenn es diese Typen bei uns so gut wie gar nicht gibt. Weil das bei uns aus verständlichen Gründen vor allem in den ersten 15 Jahren nach der
Einführung der Fall war, mussten wir Preisrichter einen guten Überblick über den Zuchtstand in Deutschland haben, während die Züchter die Bilder von den amerikanischen Championtieren als Ziel in ihrem Schlag vor Augen haben sollten.
Die Bewertungskriterien
Damit ein Show Racer die Aufmerksamkeit des Preisrichters auf sich lenkt, muss der
Gesamteindruck überzeugend sein! Eine gut mittelgroße, athletische Erscheinung mit breiten Schultern und dem wohl wichtigsten ins Auge fallende Merkmal: die stolze aufgerichtete Haltung. In den ersten Jahren mussten wir in Deutschland mit diesem Kriterium etwas nachsichtiger umgehen, denn ein Großteil der Tauben hatte damit erhebliche Probleme und zeigte die geforderte Körperhaltung nur widerwillig nach Aufforderung mit dem Stab. Inzwischen wird berechtigter Weise sehr viel mehr Wert darauf gelegt: ein Tier kann in den meisten erforderlichen Merkmalen ruhig überdurchschnittlich gut sein, eine ständig waagerechte Körperhaltung lässt nicht mehr als 92 Punkte zu! Vielfach zeigen Tauben im heimischen Schlag korrekte abfallende Haltung, im Ausstellungskäfig aber können sie - sei es durch mangelnde Käfiggewöhnung oder durch Aufregung - nicht zeigen. Meiner Erfahrung nach ist die Haltung eine Anlage, die durch Vererbung weitergegeben wird. Die korrekte Haltung des Show Racers ist in jedem Fall die Basis für eine höhere Bewertung, selbstverständlich hat der Preisrichter die Möglichkeit je nach Gewichtung Wünsche oder Mängel zu formulieren. Wenn die Taube durch ihre Körperhaltung überzeugt, wendet sich der Blick des Preisrichters auf die Gestalt d.h. auf die Form des Tieres. Es gibt Formentauben, bei denen sind viele Rundungen für die Klasse entscheidend. Beim Show Racer spielt die Keilform eine entscheidende Rolle: in der Frontpartie von unten bis hinauf zur Schulter, von der Schulter über den sich keilförmig verjüngenden Hals hin zum Kopf, und bei der Draufsicht von den Schultern zum Schwanz. Auch der Kopf zeigt von oben gesehen zum Schnabel hin deutliche Keilform. Die Forderung nach Keilförmigkeit bedingt breite Schultern, eine gut gerundete Brust, straffe Flügelhaltung und einen Rücken, der sich zum Bürzel hin stark verjüngt und damit wieder die Voraussetzung für einen möglichst schmalen Schwanz schafft. Die Flügel erreichen nicht ganz das Schwanzende, welches wiederum nicht ständig den Käfigboden berühren sollte. Ebenso wichtig wie die oben erwähnte korrekte Haltung ist der gezogen wirkende Kopf einschließlich Augen, Schnabel und Warze: kräftig, glatt, nicht zu schmal oder kurz. Der Scheitel mit genügend Höhe über dem Auge von der Schnabelspitze in einer gleichmäßig gewölbten Bogenlinie über den Hinterkopf elegant in den Hals abfallend. Weder Druck noch Kniff sind an der Warze oder dem Schädel erlaubt. Die Augenfarbe (leuchtend rot bis dunkelrot) ist in den letzten Jahren vor allem bei den Tieren der Rotgruppe stark verbessert worden, allerdings haben einige
Farbschläge, darunter schwarz und andalusierfarbig hier und da noch Probleme. Der Augenrand ist unauffällig und nach hinten kaum zu erkennen. Ein z. Zt. bei uns noch in vielen Zuchten zu verbesserndes, für die Wirkung des Kopfes sehr wichtiges Merkmal ist die Beschaffenheit des Vorkopfes, d.h. Hauptsächlich die Länge, die Warzen- und die Schnabelform. Die Kompaktheit des Vorkopfes wird entscheidend geprägt von einem stumpfen Schnabel - dessen Hälften möglichst gleich stark sein sollten – und einer sich harmonisch in das Profil einpassende Warze. Das Erscheinungsbild des Schnabels ist durch erlaubte (notwendige) Pflege an der Spitze mit der Feile zu beeinflussen. Die Warze lässt allerdings in dieser Hinsicht keine Möglichkeit zu. Nach dem Willen des Show Racer Klubs soll sie unbedingt ihren natürlichen Eindruck nicht verlieren. Sie soll zwar sauber und korrekt geformt sein, aber ihre naturgegebene Form soll erhalten bleiben. Es ist unerheblich, ob in der Mitte ein Steg verläuft oder nicht, lediglich eine gespaltene Warze, bei der die Befiederung bis zum Horn des Schnabels hinuntergeht, ist fehlerhaft. Bei Alttieren darf man bezüglich der Warzengröße und -struktur ruhig großzügiger sein. Solange das Kopfprofil nicht erheblich gestört und die Warze in ihrer ursprünglichen Form gut erkennbar ist, kann ein älterer Show Racer durchaus zu hohen Ehren kommen. Die gesunde Einstellung der Amerikaner sollte uns hier Vorbild sein: viele ihrer Champions sind nicht unbedingt Jungtauben! Ein ebenfalls nicht unwesentliches Merkmal des Show Racers ist die Stellung, sie darf weder zu hoch noch zu tief noch zu eng sein. Die Beinstellung ist mitverantwortlich für die aufgerichtete Haltung: durch die erforderliche Fersenbeuge kann die Taube den Körper ausbalancieren und die Haltung festigen. Selbstverständlich gehört zu einer angemessenen Bewertung auch, dass man den allgemeinen Zustand, die Brustmuskulatur und die Verjüngung des Rückens in der Hand überprüft. Zur Farbe und Zeichnung möchte ich folgendes bemerken. Natürlich sind wir froh, wenn beides rein und exakt ist. Bei unserer ganz stark auf die Form ausgerichteten Taubenbewertung steht die Farbe an letzter Stelle. Erst wenn wir in Deutschland überwiegend hohen Ansprüchen genügende Show Racer haben sollten, könnten wir dieses Ziel intensiver ins Auge fassen, um dann
ein noch besseres Abstufungsmerkmal vor allem bei den herausragenden Typen zu haben. Selbstverständlich werden bei uns (in Amerika übrigens auch) echte Farb- bzw. Zeichnungsfehler beanstandet. Eine fehlende Binde, kaum Hämmerung, stark unreines Schild bei Bindenzeichnung werden je nach Intensität unter Wünschen oder Mängeln vermerkt und schlagen sich in der Abstufung zwischen sonst qualitativ gleichwertigen Tieren nieder. Weiße Partien bei farbigen Tauben am After, Keil oder Bauch werden unbedingt bestraft. Tintenspritzer im Gefieder zeigen bei Täubern Spalterbigkeit auf, werden aber auf keinen Fall gestraft! Die Bewertungskriterien des Standards gelten selbstverständlich für alle Farbenschläge, allerdings ist es für den Preisrichter unerlässlich, über den Zuchtstand des jeweiligen Farbschlags informiert
zu sein. Dadurch lässt sich verhindern, dass Merkmale verlangt werden, die in dieser Ausprägung in bestimmten Farbenschlägen noch gar nicht erreicht wurden. Vor allem bei Gelbfahlen, den erst kürzlich anerkannten Schecken (Fleckenschecken), besonders aber bei den Weißen und Andalusierfarbigen ist das berühmte „Fingerspitzengefühl“ des Preisrichters gefragt, damit die sorgsam behüteten seltenen Farben nicht wieder verdrängt werden.

Der Zuchtausschuss